Wie eine echte MoonSwatch als Fälschung galt und ein Chatbot dreimal das Gespräch beendete
Seit 1999 bin ich bei eBay angemeldet. Über 250 Artikel habe ich in der Zeit verkauft, mindestens genauso viele gekauft. In den letzten Jahren sind mir die Gebühren zu hoch und der Ärger mit einzelnen Käufern zu groß geworden, also habe ich meine Aktivität dort still und leise heruntergefahren. Jetzt liegen zwei Uhren bei mir rum, die weg sollen, und ich dachte mir: Schau doch mal, was eBay inzwischen an Gebühren nimmt.
Die Antwort: gar keine mehr, zumindest nicht für Privatverkäufer. Klingt erstmal gut. War es dann aber nicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Privatverkäufe sind auf eBay.de seit März 2023 komplett gebührenfrei – weder Angebots- noch Verkaufsgebühr [1]
- Trotzdem wurde mein Angebot für eine ganz normale, unlimitierte MoonSwatch automatisch gesperrt – mit der Begründung, es handle sich um einen gefälschten Artikel
- Mein Einspruch dagegen wurde automatisch abgelehnt, ohne dass jemand ihn sich offenbar angesehen hat
- Automatisierte Moderation ist auf großen Marktplätzen inzwischen Alltag: Fünf der meistgenutzten Plattformen in Deutschland, eBay eingeschlossen, haben laut Verbraucherzentrale Bundesverband allein im November 2025 fast 70 Millionen Angebote automatisiert entfernt [2]
- Der Kundenservice bestand für mich aus einem Text-Chat, der das Gespräch dreimal für beendet erklärte, und einem Callcenter, das mir nicht sagen konnte, wie lange die Prüfung dauert
- Gleichzeitig baut eBay den KI-Einsatz beim Einstellen von Angeboten und beim Training mit Nutzerdaten aktiv aus [3] [4]
Kostenlos verkaufen, seit wann eigentlich?
Fangen wir positiv an. Seit dem 1. März 2023 verlangt eBay von privaten Verkäufern in Deutschland keine Angebotsgebühr und keine Verkaufsprovision mehr. Vorher waren das happige elf Prozent des Gesamtpreises plus bis zu 0,35 Euro fix pro Verkauf [1]. Aktuell kann man laut eBays eigener Gebührenseite bis zu 320 Angebote im Monat gebührenfrei einstellen, danach werden 50 Cent pro Angebot fällig [5].
Für gelegentliche Privatverkäufer wie mich ist das eine gute Nachricht, keine Frage. Ich habe mich also gefreut, meine zwei Uhren einzustellen. Bei der ersten, einer ganz normalen, unlimitierten MoonSwatch, Baujahr 2025, habe ich mich bei der Beschreibung an vergleichbaren Angeboten anderer Verkäufer orientiert und wollte den Verkauf starten.
Die Uhr, die angeblich eine Fälschung war
Es dauerte keine Stunde, bis mein Angebot gesperrt wurde. Begründung: Verdacht auf einen gefälschten Artikel. Bei einer MoonSwatch, einem Modell, das massenhaft und ganz offiziell verkauft wird. Ich habe Einspruch eingelegt. Die Antwort kam ebenso automatisch wie die Sperrung selbst: Einspruch abgelehnt, mit dem Hinweis, ich könne mich bei Unzufriedenheit an eBay wenden.
Wie genau, das war die eigentliche Herausforderung.
Dass automatisierte Systeme auf großen Marktplätzen inzwischen im großen Stil aussortieren, ist kein Einzelfall. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat sich die Moderationsentscheidungen von fünf großen Plattformen in Deutschland, darunter eBay, genauer angeschaut: Allein im November 2025 wurden fast 70 Millionen Angebote entfernt, knapp 30 Millionen davon mit der Begründung, es handle sich um unsichere oder verbotene Produkte [2]. Der Verband kritisiert dabei vor allem, dass die Begründungen in der EU-Transparenzdatenbank oft dürftig ausfallen und sich kaum nachvollziehen lässt, wie die einzelne Entscheidung zustande kam [2]. Bei dieser Menge an automatisierten Entscheidungen überrascht es mich ehrlich gesagt nicht mehr, dass auch mal ein ganz normales Produkt im falschen Topf landet. Nur: Wenn man selbst der Fehlalarm ist, hilft einem die Statistik herzlich wenig.
Wenn der Chat das Gespräch einfach für beendet erklärt
Um überhaupt jemanden zu erreichen, landet man bei eBay zunächst in der Hilfe-Sektion, dort bei einem Text-Chatbot. Der hatte von meinem konkreten Fall keine Ahnung und hat das Gespräch gleich dreimal für beendet erklärt, bevor ich es geschafft habe, ihm klarzumachen, dass ich einen Rückruf möchte. Das hat dann endlich funktioniert.
Der Rückruf kam aus einem, dem Hintergrundgeräusch nach zu urteilen, ziemlich großen Callcenter, die Verbindung entsprechend schlecht zu verstehen. Der erste Mitarbeiter erklärte mir nach kurzem Hin und Her, dass er dafür nicht zuständig sei, und hat mich weiterverbunden. Der zweite Kollege war ähnlich schwer zu verstehen und hat mir dreimal denselben abgelesenen Text vorgetragen: Der Fall werde noch geprüft, das sei keine endgültige Entscheidung, ich solle mich gedulden. Auf meine Frage, wie lange das dauert, hatte er keine Antwort. Einen Termin gebe es nicht.
Menschen sollen hier offenbar die Probleme lösen, die eine KI verursacht hat. Nur sind diese Menschen erkennbar schlecht ausgestattet, um genau das zu tun.
eBay setzt zunehmend auf Künstliche Intelligenz
Diese Erfahrung passt ziemlich genau in einen größeren Trend. eBay baut den KI-Einsatz auf der Plattform seit einiger Zeit konsequent aus. Seit Anfang 2025 können Privatverkäufer beispielsweise ein Foto ihres Artikels hochladen, woraufhin eine KI automatisch eine Angebotsbeschreibung samt Kategorie erstellt [3]. Seit April 2025 nutzt eBay laut eigener Datenschutzerklärung außerdem personenbezogene Daten seiner Nutzer, um eigene KI-Modelle zu trainieren, sofern man dem nicht aktiv widerspricht [4].
Die Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass solche Systeme aus verknüpften Daten auch falsche Schlüsse ziehen und Nutzer zu Unrecht einschränken können [4]. Genau das ist mir mit der Fälschungssperre im Kleinen passiert.
Die Ironie dabei: Die gleiche Firma, die KI nutzt, um Verkäufern das Einstellen leichter zu machen, nutzt offenbar ganz ähnliche Systeme, um Angebote automatisch zu blockieren. Nur für den Fehler, den beide Systeme produzieren, ist am Ende wieder ein unterbesetztes Callcenter zuständig.
Warum ich nach 27 Jahren gehe
Ich werde mich von eBay verabschieden. Nicht aus Prinzip, sondern weil sich das Verhältnis von Aufwand und Ertrag für mich nicht mehr rechnet. Ein Unternehmen, das Ende der Neunziger groß geworden ist und jetzt krampfhaft modern wirken will, schafft es dabei ganz nebenbei, langjährige Kunden wie mich in die Wüste zu schicken. Meine beiden Uhren werde ich anderswo verkaufen. Über meinen konkreten Erfahrungsbericht mit digitalen Alternativen zu klassischen Plattformen schreibe ich vermutlich bald mehr, das würde thematisch gut zu meinem Beitrag über mein KI-Desaster mit Gemini passen – auch da hatte am Ende eine Maschine über etwas entschieden, das ein Mensch hätte besser einschätzen können.
Wie sind deine Erfahrungen?
Hast du auch schon erlebt, dass dich ein automatisiertes System zu Unrecht ausgebremst hat, und wie schwer war es, da wieder rauszukommen? Ich bin gespannt, ob das Einzelfälle sind oder ob wir hier gerade alle gemeinsam Beta-Tester für Kontrollsysteme sind, die noch lange nicht fertig sind. Mehr zu meinen Erfahrungen mit digitalen Diensten und ihren Tücken findest du auch in der Rubrik Meinung & Beobachtung.
Quellen
- ↑ eBay Inc.: eBay.de macht das private Verkaufen kostenlos (Pressemitteilung, 2023)
- ↑ Verbraucherzentrale Bundesverband: Gefährliche Produkte werden trotz EU-Warnung auf Online-Marktplätzen verkauft (2026)
- ↑ eBay Verkäuferportal: Seller News – KI-gestützte Angebotserstellung (2025)
- ↑ Verbraucherzentrale: Ebay – Persönliche Daten für KI-Training abschalten (2025)
- ↑ eBay Hilfe: Gebühren für private Verkäufer (2026)
Linkprüfung: 27.08.2026
Nachtrag (31.08.2026)
eBay hat sich noch einmal mit derselben Botschaft gemeldet: Die Beschwerde wird abgelehnt, ich hätte gegen die Richtlinien verstoßen. Eine Begründung, wie man auf den Verdacht einer Fälschung kommt, bleibt weiterhin aus. Ich habe Belege für die Echtheit der Uhr, die interessieren dort aber offenbar niemanden.
Für mich heißt das: eBay hat sich als Plattform erst einmal erledigt, weder zum Kaufen noch zum Verkaufen. Meine Zeit investiere ich da nicht mehr.








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