…und alle vier logen mich an
Mitte Februar sitze ich am Schreibtisch und plane eine Reise: Frankfurt am Wochenende, dann ein paar Tage Riga – inklusive meines 60. Geburtstags. Frankfurt kenne ich noch gut, ich war dort viele Jahre. Riga ist neu für mich.
Normalerweise würde ich einfach auf das verlassen, was ich noch weiß, ein paar alte Adressen aus dem Gedächtnis kramen, Google Maps zücken. Aber diesmal dachte ich mir: Warum nicht die KI-Profis testen? Vier verschiedene Bots, ein Prompt, eine echte Reise. Schauen, wer mich nicht in einen geschlossenen Konzertsaal schickt.
Das Ergebnis war… ernüchternd. Und sehr lehrreich.
Das Wichtigste in Kürze
- Claude lieferte 25 Seiten – alles, absolut alles. Nach 10 Seiten weißt du nicht mehr, was wichtig ist.
- ChatGPT brauchte 6 Seiten – lesbar, schnell, aber ohne Öffnungszeiten und Preise.
- Perplexity komprimierte auf 4 Seiten – maschinenhafte Effizienz als Checkliste.
- Gemini schaffte 2 Seiten – ein liebloses Tagesablauf-Outline ohne Tiefe.
- Alle vier übersahen: Die Nationaloper ist im April geschlossen.
- Drei empfahlen ein Restaurant, das keine Buchungen annimmt.
Wie alles anfing
Ich stellte vier verschiedenen KI-Bots den gleichen Prompt: Einen kompletten, praktischen Reiseplan für Frankfurt und Riga. Mit Hotels, Restaurants, Museen, Links, Öffnungszeiten, Preisen. Alles sollte recherchiert und verifiziert sein.
Dann wartete ich auf die Ergebnisse.
Was ich bekam, war… unterschiedlich.
Claude: Die Plaudertasche mit 25 Seiten
Claude liefert alles. Jedes Hotel hat Telefonnummer, Website, Adresse, ÖPNV-Anbindung. Jedes Restaurant hat Adresse, Google Maps Link, Bewertung, Preiskategorie. Jedes Museum hat Eintrittspreise, reduzierte Tarife, Dauer, Highlights.
Das ist entweder brilliant oder neurotisch. Ich bin mir noch nicht sicher.
Verbrauch: 3+ Stunden Lesezeit. Nach 10 Seiten beginnt die Informationsüberladung. Du fragst dich: Wirklich alle Details wichtig? Oder nur das Wichtigste?
Qualität: Hochwertig recherchiert. Die meisten Links funktionieren. Struktur ist logisch und nachvollziehbar.
Das Problem: Ich bin überwältigt. Das ist nicht „Reiseplan“, das ist „Rohmasse aus der Reiseplan-Fabrik“. Manchmal ist weniger mehr.
ChatGPT: Die Sparsamkeit ohne Details
ChatGPT liefert 6 Seiten. Übersichtlich formatiert. Gute Restaurant-Namen. Aber:
- Keine Öffnungszeiten.
- Keine Preise.
- Keine Links zu den Öffnungszeiten.
„Restaurant Barents“ wird genannt – ohne weitere Infos. „Nationaloper“ wird empfohlen – ohne zu erwähnen, dass du vorher reservieren musst.
Verbrauch: 30 Minuten.
Qualität: Leserlich, aber unvollständig. Ein Anfangspunkt für deine eigene Recherche, nicht das Ziel.
Das Problem: Ich müsste alles selbst googeln. Das ist nicht „praktisch“, das ist „Ausgangspunkt für Recherche“.
Perplexity: Die Maschine
Perplexity komprimiert auf 4 Seiten. Struktur:
Montag: 14.04. → KGB-Haus | Link | Öffnungszeiten | Eintritt €7
Dienstag: Nationaloper → Link | Tickets | Spielplan (prüf aktuell)
Mittwoch: Bootsfahrt → Anbieter | Preise: €20–€30 pro Person
Hocheffizient. Nur Fakten. Keine Umschreibungen, keine Tipps, keine Emotionen.
Verbrauch: 20 Minuten. Dann weiß ich, was ich tue.
Qualität: Korrekt strukturiert. Funktioniert als Checkliste.
Das Problem: Zu knapp. Keine Anfahrtszeiten. Keine Erklärung, warum dieser Ort wichtig ist. Keine „Warum“-Tipps.
Gemini: Das lieblose Outline
Gemini schafft 2 Seiten. Ein simples Tagesprogramm:
- Montag: Ankunft, Hotel, Abendessen
- Dienstag: Jugendstilviertel, Mittagessen, Oper
- Mittwoch: Bootsfahrt, SPA, Geburtstags-Dinner
Verbrauch: 10 Minuten.
Qualität: Keine Tiefe. Keine Links. Keine Preise. Keine Öffnungszeiten.
Das Problem: Das ist kein Reiseplan, das ist ein Tagesablauf-Outline. Nicht mal ein gutes.
Und dann recherchierte ich wirklich
Hand aufs Herz: Dann passierte etwas Interessantes. Ich recherchierte die echten Öffnungszeiten für meine Reise und fand etwas, das alle vier übersehen hatten.
Critical Failure #1: Die Nationaloper
Was alle vier Bots empfahlen: Die Lettische Nationaloper am Mittwochabend.
Was sie alle übersahen:
"DUE TO RECONSTRUCTION WORKS AT THE LATVIAN NATIONAL OPERA, NO EVENTS WILL TAKE PLACE IN THE GREAT HALL THIS MONTH."
Im April 2026: Geschlossen für Renovierungsarbeiten.
Alle vier – Claude, ChatGPT, Perplexity, Gemini – hätten mich in einen leeren Konzertsaal geschickt. Ohne Warnung. Ohne „prüf das vorher“.
Critical Failure #2: Restaurant Barents
Was drei Bots empfahlen: Restaurant Barents zum 60. Geburtstag. Fine Dining. Hochelegant. „Exquisites Menü in einem hocheleganten Rahmen, der diesem Meilenstein absolut gerecht wird.“
Was sie nicht wussten:
"Unfortunately, bookings for this restaurant are no longer available."
Das Restaurant existiert nicht mehr – oder nimmt zumindest keine Buchungen an.
Drei von vier hätten mich zu einem Restaurant geschickt, in dem ich nicht reservieren kann. Auf meinem 60. Geburtstag. Herzlos, oder?
Das echte Problem
Das Wichtigste, das ich gelernt habe:
KIs sehen selbstbewusst aus – aber sie präsentieren veraltete oder erfundene Informationen mit der gleichen Sicherheit wie echte Fakten.
Sie alle schlugen die Nationaloper vor – weil es die Nationaloper ist und Rigas Hauptsehenswürdigkeit. Sie wussten nicht, dass sie im April geschlossen ist. Und sie sagten nicht: „Prüf das vorher.“
Sie schlugen Restaurant Barents vor – weil es elegant klingt und Fine Dining passt zum 60. Geburtstag. Sie wussten nicht, dass es keine Buchungen annimmt. Und sie sagten nicht: „Ruf an, bevor du es buchst.“
Das ist nicht „KI-Fehler“ im klassischen Sinn. Das ist deine fehlende Verifizierung, weil die KI so verdammt zuversichtlich klingt.
Die ehrliche Antwort
Welcher KI-Bot war am besten?
Das hängt davon ab, wer du bist:
- Du magst Details & hast Zeit? Claude – aber überprüf alles.
- Du magst schnelle Übersicht? ChatGPT – aber gib dir mehr Zeit zum Checken.
- Du magst Effizienz & Struktur? Perplexity – aber recherchier selbst.
- Du magst gar nicht? Gemini ist für Reiseplanung nicht geeignet.
Aber die wichtigste Antwort ist: Keine KI ersetzt eine 10-minütige Google-Suche, einen Anruf beim Restaurant und „Prüf das auf der offiziellen Website.“
Das ist nicht sexy. Das ist nicht „KI kann jetzt Reisen planen.“ Aber das ist wahr.
Was ich jetzt mache
Ich fahre trotzdem nach Frankfurt und Riga. Mit einem Hybrid-Plan:
- Claudes Details als Datenbasis
- Perplexitys Struktur als Framework
- Meine eigene Recherche als Verifizierung
Und ich werde aufschreiben, was wirklich funktioniert hat – und was nicht. Welche KI-Empfehlungen waren Gold. Welche waren Nieten. Welche KI dich im April am schlechtesten beraten hat und rausfliegt.
Denn eines ist klar: KI-Tests funktionieren nur mit echten Erfahrungen. Nicht mit Theorie.
Deine Frage
Hast du schon eine KI für Reiseplanung genutzt? Hat sie dich elegant belogen, oder war es offensichtlich?
Schreib mir – ich bin neugierig.









Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!