Rückfall. Natürlich.
Du willst nur kurz etwas posten. Ein Foto, ein Moment, irgendetwas das du teilen möchtest. Dauert ja nicht lang. Und dann scrollst du kurz durch, mal schauen was so los ist. Und dann bist du weg. Zwanzig Minuten, dreißig, vierzig. Irgendwann legst du das Handy weg und merkst: Du hast gerade wieder Zeit versenkt, für Inhalte die dich null interessieren, für Werbung die du nicht brauchst, für Meinungen von Leuten die du kaum kennst. Und ärgerst dich. Über dich selbst. Wieder.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Posting ist selten nur ein Posting – es ist die Tür, durch die der Algorithmus dich zieht
- Infinite Scroll und intermittierende Verstärkung sind kein Zufall, sondern gezieltes Design
- 15 Prozent der Deutschen zeigen typische Anzeichen einer Social-Media-Sucht – auch ohne sich das einzugestehen [1]
- Der Rückfall gehört dazu. Entscheidend ist, was danach passiert
- Kein Patentrezept, keine App-Lösung – aber ein bisschen mehr Ehrlichkeit mit sich selbst hilft
Was im Januar noch gut klang
Im Januar habe ich hier beschrieben, wie ich Social Media neu sortiere. Threads weg, Instagram-Zweitaccount gelöscht, Facebook-Seiten abgeschaltet, Dutzende Newsletter abbestellt. Das war kein Impuls, das war eine Entscheidung. Und sie hat sich richtig angefühlt. Weniger Rauschen, mehr Fokus, mehr Zeit für Dinge die mir tatsächlich etwas bedeuten.
Das stimmt alles noch. Nur dass der Mensch hinter diesen Entscheidungen halt immer noch derselbe ist. Einer, der manchmal etwas zeigen möchte. Der ein Foto macht und denkt: das teile ich kurz. Der dann auf Bestätigung wartet. Und währenddessen scrollt.
Das Posting als Türöffner
Hier ist das Problem: Du gehst nicht wegen des Feeds auf Instagram. Du gehst wegen deines Postings. Das ist ein echter Unterschied – zumindest gefühlt. In Wirklichkeit ist es genau das, worauf die Plattform wartet. Du bist drin. Die Tür ist offen. Und was dann passiert, ist kein Zufall.
Der Feed ist nicht dazu da, dir zu zeigen was deine Freunde machen. Er ist dazu da, dich so lange wie möglich auf der Plattform zu halten. Jedes Mal wenn du scrollst, berechnet der Algorithmus neu, was dich am ehesten weiterscrollen lässt. Ein lustiges Video, ein empörender Kommentar, ein Beitrag der dich an irgendetwas erinnert. Das läuft nicht zufällig ab – das ist optimiertes Design, das seit Jahren verfeinert wird.
Die Frankfurter Hefte beschreiben das Prinzip treffend: Die physische Bewegung des Scrollens ist der Ästhetik von Spielautomaten nachempfunden. Du weißt nicht, was als nächstes kommt. Genau das hält dich drin [3].
Warum das so funktioniert
Es gibt einen Begriff dafür: intermittierende Verstärkung. Das nächste Video könnte gut sein, der nächste Post könnte dich überraschen – du weißt es nicht. Und genau diese Ungewissheit ist es, die das Gehirn beschäftigt hält. Nicht jedes Mal gibt es etwas Gutes, aber manchmal. Und dieses Manchmal reicht.
Das Ärzteblatt beschreibt in einer aktuellen Analyse zur Social-Media-Sucht unter anderem Rückfall als eines von sechs Diagnosekriterien – also die Tendenz, nach bewusster Abstinenz in alte Muster zurückzufallen. Das klingt klinisch. Ist aber exakt das, was ich beschreibe [2].
Ich will das nicht dramatisieren. Ich bin kein Jugendlicher, der sieben Stunden täglich auf TikTok verbringt. Aber ich bin auch nicht immun. Niemand ist das. Eine YouGov-Befragung aus dem Mai 2025 zeigt: 15 Prozent der Deutschen zeigen typische Anzeichen einer Social-Media-Sucht nach der anerkannten Bergen Social Media Addiction Scale. Bei der Generation X, also meiner, sind es immerhin noch 12 Prozent. Intensive Nutzung ist nicht dasselbe wie Sucht – aber der Übergang ist fließender als man denkt [1].
Wie ich damit umgehe
Ich werde mir nichts vormachen. Es wird wieder passieren. Ich werde wieder etwas posten und dabei hängenbleiben. Das ist keine Niederlage, das ist Realität. Aber ich merke, dass sich etwas verändert hat: Ich erkenne es schneller. Der Moment wo ich aufschaue und denke – warte mal, was mache ich hier gerade – kommt früher als früher.
Was mir konkret hilft: Posten und sofort die App schließen. Nicht warten. Nicht schauen ob schon jemand reagiert hat. Einfach raus. Das klingt banal, ist aber erstaunlich wirkungsvoll. Wer auf Bestätigung wartet, bleibt. Wer gepostet hat und geht, gibt dem Algorithmus keine Chance.
Der zweite Insta-Account ist weg. Die Facebook-Seiten sind abgeschaltet. Das bleibt so. Aber den Hauptaccount komplett zu löschen – das will ich nicht. Es gibt Menschen dort, mit denen ich tatsächlich in Kontakt bin. Das ist es wert. Was nicht wert ist: die zwanzig Minuten danach [4].
Kennst du das?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der Einzige bin, dem das passiert. Du nimmst dir vor, nur kurz reinzuschauen – und eine halbe Stunde später ärgerst du dich. Oder du hast das besser im Griff als ich und weißt wie. Beides interessiert mich.
Quellen
- ↑ YouGov / Hochschule Macromedia: Suchtfaktor Social Media – 15 Prozent der Deutschen sind gefährdet (Mai 2025)
- ↑ Deutsches Ärzteblatt: Social-Media-Sucht – Bindungsqualität und Mentalisierungsfähigkeit (2025)
- ↑ Frankfurter Hefte: Dopamin und Manipulation – Die Motoren sozialer Netzwerke
- ↑ Euronews: Suchtfalle Social Media – Steckt Absicht dahinter? (Mai 2026)
- stawi.de: Digitaler Rückzug – Warum ich Social Media neu sortiere (Januar 2026)









Hey Luca,
danke für den Kommentar – und schön, dass du hängen geblieben bist! 🙂
Das Bild kenn ich gut, und ehrlich gesagt erschreckt es mich auch immer wieder selbst, wenn ich mal bewusst hinschaue. Gym, Bahn, Wartezimmer – überall die gleichen gesenkten Köpfe, inklusive meinem manchmal.
Du hast recht: Digital Detox als kompletter Rückzug ist für die meisten von uns kein realistischer Dauerzustand, und für Kinder schon gar nicht – die wachsen ja mitten in diese Welt rein, ob wir wollen oder nicht. Mir geht’s eher um ein bewussteres Verhältnis dazu. Nicht „alles weg“, sondern öfter mal merken, dass man gerade reingezogen wurde, und dann selbst entscheiden, ob man drinbleibt oder nicht.
Freut mich auf jeden Fall, dass dich der eine oder andere Artikel angesprochen hat.
Viele Grüße zurück,
Matthias
Hallo Matthias, wenn ich mich im Gym, im Restaurant oder in der Bahn umschaue, fällt mir immer wieder auf, wie wir alle die Köpfe unten haben und uns von diesen Dingern in den Sog ziehen lassen. Digital Detox ist sicher eine gute Idee, kann aber langfristig vor allem für Kinder nicht die einzige Möglichkeit sein.
Bin zufällig über deinen Blog gestolpert, da du einen meiner Blog-Artikel zitiert hattest. Hab mich heute etwas durchgeklickt und bin an einigen deiner Artikeln hängen geblieben. Gerne mehr davon 🙂 Viele Grüße, Luca