Was digitale Patientenkommunikation verspricht – und was in der Praxis davon übrig bleibt.
Kaum geht man auf die 60 zu, fangen die Zähne an, eigene Entscheidungen zu treffen. Meistens keine guten. August 2025, routinemäßige Prophylaxe, professionelle Zahnreinigung – das mache ich seit vielen Jahren, weil es da immer wieder Themen gab mit Zahnfleisch und Zähnen. Diesmal fiel der Zahnreinigerin etwas auf: ein paar Taschen, deutlich tiefer als beim letzten Mal. Der Doktor muss das sehen. Er sieht es, bestätigt Handlungsbedarf, und wir legen auch gleich los. Im September große Behandlung oben links. Es gibt Angenehmeres. Alles verläuft gut.
Das Wichtigste in Kürze:
- 64 Prozent der Deutschen buchen Arzttermine inzwischen online – der Trend ist eindeutig
- Seit Oktober 2025 sind alle Zahnarztpraxen verpflichtet, die elektronische Patientenakte zu nutzen – Theorie und Praxis klaffen noch weit auseinander
- Digitale Anmeldung, Formulare vorab, Unterlagen übermittelt – und trotzdem dreimal dieselbe Frage beantwortet
- Der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Praxis ist nicht digital. Er ist menschlich
- Mit 60 weißt du: Eine Zweitmeinung holen kostet Zeit. Nicht holen kostet mehr
Der Backenzahn des Grauens
Bis Ende Oktober. So Zahnschmerzen hatte ich schon lange nicht mehr. Beim eigenen Zahnarzt kein schneller Termin zu kriegen – also Ersatzzahnarzt. Ein blöder Speiserest hatte sich unters Zahnfleisch gemogelt. Reinigen, ausspülen, intensiver putzen. Der Backenzahn des Grauens, mit verzweigter Wurzel, macht sich bemerkbar.
Im November dann das volle Programm beim Stammzahnarzt: Röntgen, Untersuchung, Befund. Das Ende ist nah. Der Zahn wird nur noch palliativ behandelt. Wenn es gut geht, bleibt der hintere Backenzahn drin – aber der Problemzahn muss raus. Und zwar nicht bei ihm: Das sei ein Fall für einen Mund- und Kieferchirurgen. Wir warten erst mal ab, vielleicht beruhigt sich das noch.
Das Versprechen: alles digital, alles reibungslos
Zwischendurch ein kurzer Blick aufs große Bild, denn das Gesundheitswesen ist gerade mitten in einem Digitalisierungsschub. Seit Oktober 2025 sind alle Zahnarztpraxen verpflichtet, die elektronische Patientenakte zu nutzen – automatisch angelegt für jeden gesetzlich Versicherten, es sei denn, man widerspricht aktiv. Befunde, Röntgenbilder, Behandlungsdaten: alles an einem Ort, theoretisch für jeden Behandler abrufbar, der die Karte einliest.
Parallel boomt die digitale Terminbuchung. 64 Prozent der Deutschen haben laut Bitkom inzwischen mindestens einmal einen Arzttermin online vereinbart – 2023 waren es noch 36 Prozent. Viele Praxen bieten digitale Anmeldeformulare an, Datenaustausch vorab per Portal, Dokumente hochladen, Anamnese online ausfüllen. Das Versprechen: Du kommst in die Praxis, und die wissen schon, wer du bist und warum du da bist.
Ich habe das geglaubt. Und brav mitgemacht.
Mönchengladbach: 30 Minuten, eine davon am Mund
Im März fasse ich mir ein Herz. Ich mache einen Termin bei einem Mund- und Kieferchirurgen in Mönchengladbach. Ich fülle im Vorfeld alles digital aus. Mein Stammzahnarzt schickt alle Unterlagen rüber. Das läuft also schon mal rund, so die Theorie.
Am Tag der Voruntersuchung betrete ich die Praxis. Die Aufnahme: desinteressierte Mitarbeiterinnen, die nach allen Dingen fragen, die ich längst digital zur Verfügung gestellt hatte. Mein Zahnarzt hatte außerdem alles direkt in die Praxis gesendet. Niemand scheint es gesehen zu haben.
Ich bleibe trotzdem, will den Arzt abwarten. Zahnarztstuhl, die Assistentin vergewissert sich noch einmal, wer ich bin und um was es geht. Der Arzt kommt rein, stellt sich vor, nimmt einen Spiegel, schaut mir in den Mund. Nicht mal eine Minuten. „Ja, der muss raus. Das machen wir dann bei einem Termin mal eben. Vorher röntgen wir den noch mal.“ Die neue Röntgenaufnahme sieht aus wie die von meinem Zahnarzt. Vielleicht etwas steiler im Winkel. Ein Termin für Mai wird vereinbart. Nach 30 Minuten verlasse ich die Praxis. Reine Untersuchungszeit: fünf Minuten. Wahrscheinlichkeit, dass ich da noch einmal hinkomme: an diesem Nachmittag etwa 30 Prozent.
Das ist das Problem hinter der digitalen Patientenakte, hinter den Online-Formularen und dem Datenaustausch zwischen Praxen. Die ePA wurde noch einen Monat nach ihrer verpflichtenden Einführung kaum aktiv genutzt – die Kassen kritisierten ein zu kompliziertes Zugangsverfahren, viele Patienten scheiterten bereits an der Anmeldung. Aber selbst wenn die Technik funktioniert, muss auf der anderen Seite jemand die Akte aufmachen.
Soest: zwei Stunden, ein gutes Gefühl
Ich spreche mit einem guten Freund, der Arzt ist. Er empfiehlt mir einen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen in Soest. Nicht gerade um die Ecke. Aber ich will eine Zweitmeinung. Die ganze Prozedur noch einmal: Zahnarzt schickt Unterlagen, ich fülle online aus, mein Freund meldet mich vorsorglich auch noch einmal persönlich an.
Am 2. April, kurz vor meinem Urlaub und meinem Geburtstag, bin ich in Soest. Freundlich und ein bisschen chaotisch beim ersten Besuch. Aber super nett. Wieder Zahnarztstuhl, ein junger Zahnarzt kommt zuerst, kurzer erster Blick, kurzes Gespräch. Der Chef schaut sich das gleich an. Der Chef kommt mit Maske in den Raum, entschuldigt sich, er ist krank. Er schaut sich alles an, fragt, ob schon eine 3D-Aufnahme gemacht wurde, wie lange ich schon Probleme habe.
Die Aufnahme wird gemacht. Das Ausmaß im Oberkiefer ist fast für einen Laien erkennbar. Es steht fest: Ich verabschiede mich von beiden hinteren Backenzähnen. Mein Trauma der Weisheitszähne von vor 35 Jahren erwacht kurz. Wir besprechen alles ausführlich, erörtern weitere Optionen, klönen ein bisschen. Wir stellen fest, dass uns zwar ein gemeinsamer Freund zusammengebracht hat, der in der gleichen Stadt wohnt – wir uns aber noch nie begegnet sind. Nach knapp zwei Stunden verlasse ich die Praxis mit einem guten Gefühl. Später erfahre ich, dass der Doktor an diesem Freitagmittag nur wegen mir in die Praxis gekommen ist.
Das ist nicht in einer ePA gespeichert.
Was Digitalisierung kann – und was nicht
Ich bin kein Digitalisierungskritiker. Im Gegenteil. Ich finde es gut, dass Befunde nicht mehr per Fax wandern, dass Online-Formulare das Ausfüllen von Papierbögen im Wartezimmer ersetzen, dass Röntgenbilder nicht auf CD gebrannt und persönlich in der Umhängetasche transportiert werden müssen. Das alles ist echter Fortschritt.
Aber die Geschichte der letzten Monate hat mir ganz deutlich gezeigt, wo die Grenze liegt. Online-Terminmanagement gilt als Werkzeug zur Prozessoptimierung – Planung verbessern, Wartezeiten senken, Abläufe automatisieren. Das stimmt alles. Was es nicht löst: was passiert, wenn die Praxis das Tool hat, aber die Haltung dahinter fehlt.
Digitale Anmeldung schützt dich nicht davor, dreimal dieselben Fragen beantwortet zu kriegen. Eine elektronische Patientenakte ändert nichts daran, ob jemand hineinschaut, bevor du auf dem Stuhl sitzt. Und ein Terminbuchungsportal macht aus einer fünfminütigen Untersuchung keinen echten Befund.
Der Unterschied zwischen Mönchengladbach und Soest war nicht digital. Der Unterschied war: In Soest hatte jemand entschieden, dass es ihm wichtig ist, sich die Zeit zu nehmen. Der Arzt kam krank in die Praxis. Das System drum herum war chaotischer. Und trotzdem war die Versorgung um Längen besser.
Der 18. Mai und der Pürierstab
Den 60. Geburtstag feierte ich ausgiebig im April. Danach: Soest. Sonntag eine Golfrunde mit meinem Freund, leckeres Abendessen, und Montag früh um acht auf den Stuhl. Erst Zahnreinigung, dann ein Zugang im Arm, Betäubung, noch ein kurzes Bohren – als ich wieder da war, war alles erledigt. Die Wange etwas taub, leichter Schmerz im Kiefer, leicht beduselt im Kopf. Der Spaß hatte wohl etwas länger gedauert, aber da war ich nicht wirklich dabei.
Abends gemütlich bei Freunden geblieben, mit der Auflage: keine Anstrengung in den nächsten Tagen. Und keine feste Kost – das hatte ich schon verdrängt.
Dienstag, Nachkontrolle. Sieht gut aus. „Sie kühlen weiter“ – klang wie eine Frage, war eine ärztliche Anweisung. Die nächsten Tage: nichts, was der Pürierstab nicht gesehen hat. Auch das eine ärztliche Anweisung. Ich fuhr nach Hause. Es gab Suppen und pürierte Leckereien aus unserer Küche. Tatsächlich habe ich das bis Freitag durchgehalten, dann zeigte mir ein erstes leichtes Essen zum Kauen, dass da noch was ist, was ein Zahnarzt hören sollte.
Die Woche darauf wieder nach Soest zur Nachuntersuchung. Die Fäden wurden gezogen, alles soweit gut. Auf meine Frage, ob ich nun wieder normal essen dürfe, kam typischer Ärzte-Humor: Ich dürfe alles essen – solange es weicher sei als eine Banane, die schon länger gelegen hat und die ich nicht mehr essen würde. Ich sagte, das sei eklig. Der Arzt grinste.
Noch eine weitere Woche mit leichter Kost. Aber mal positiv gesehen: Die Waage wird mir zeigen, ob das vielleicht doch keine schlechte Idee war.
Wie war das bei dir?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der Einzige bin, der brav alles digital ausgefüllt hat – und dann trotzdem gefragt wurde, warum er eigentlich da ist. Erzähl mir davon. Oder vom Gegenteil: einer Praxis, bei der das wirklich funktioniert. Ich bin neugierig.
Quellen
- KZBV: ePA für alle – Informationen für Zahnarztpraxen
- Bitkom: Zwei Drittel vereinbaren Arzttermine online (2025)
- Wikipedia: Elektronische Patientenakte (Deutschland)
- Deutsches Ärzteblatt: Online-Terminmanagement – Viele Potenziale für Arztpraxen
- gematik: ePA für alle – Informationen für Zahnarztpraxen









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