Tod sein ist nur für die anderen doof
Vor einiger Zeit saß ich mit einem Bekannten beim Kaffee. Er erzählte mir von seiner Tante, die vor kurzem verstorben war. Die Familie wollte ihr Facebook-Profil löschen – keine Chance. Niemand kannte das Passwort. Das Online-Banking? Ebenfalls unerreichbar. Die Foto-Cloud? Verschlossen für immer.
„Hätte sie mal vorgesorgt“, sagte mein Bekannter und seufzte. Ich nickte. Aber mal ehrlich: Wer denkt schon zu Lebzeiten daran, was nach dem Tod mit den eigenen Daten passiert?
Ich schon. Spätestens jetzt.
Das Wichtigste in Kürze
Die Realität: Nur 8% der Deutschen haben ihre Zugangsdaten für Hinterbliebene hinterlegt [1]. Das Internet vergisst nicht – deine Erben wissen aber nicht, wo du überall warst.
Dein Internet- und Datenerbe: E-Mail-Konten, Social Media, Online-Banking, Streaming-Dienste, Cloud-Speicher – alles Teil des digitalen Nachlasses, den deine Erben rechtlich erben [2].
Das Problem: Ohne Passwörter kein Zugriff. Ohne Vollmacht keine Löschung. Ohne Regelung entscheiden die Plattformen selbst – oft gegen die Wünsche der Familie.
Die Lösung: Digitale Vorsorge ist Privatsache. Wer regeln möchte, was mit seinem Internet- und Datenerbe geschieht, muss selbst aktiv werden [3].
Was gehört zum digitalen Nachlass?
Ich habe mal angefangen zu zählen. 47 Online-Accounts. Siebenundvierzig! Von Amazon über Spotify bis zu X verschiedenen E-Mail-Konten. Dazu kommen meine Webseiten, der eine oder andere Blog, die Cloud mit 15 Jahren Fotos. Und natürlich alles, an was ich gerade nicht denke.
Und genau da wurde es interessant: All das ist mein Internet- und Datenerbe. Rechtlich gehört es nach meinem Tod meinen Erben – theoretisch [2]. Praktisch? Ohne Passwörter kommen sie nirgendwo rein.
Zum digitalen Nachlass gehören:
- Vertragsbeziehungen: Online-Banking, Zahlungsdienste, Online-Shops, Versandhandel
- E-Government: Finanz-Portale, digitale Identitäten
- Mediendienste: Netflix, Spotify, Online-Abos
- Social Media: Facebook, Instagram, LinkedIn, Twitter/X
- E-Mail-Accounts: Oft der Schlüssel zu allem anderen
- Cloud-Dienste: Google Drive, Dropbox, iCloud
- Urheberrechte: Eigene Fotos, Videos, Blogeinträge
Und ich wette, du hast noch mehr.
Warum die meisten nichts regeln
Hand aufs Herz: Hast du deinen digitalen Nachlass geregelt? Ich bis vor kurzem auch nicht. Warum? Weil es unangenehm ist. Weil man nicht dran denkt. Weil Tod ein Thema ist, das man gerne verdrängt.
Die Zahlen sprechen für sich: Laut einer Umfrage haben nur 15% der Internetnutzer den Nachlass für zumindest einige ihrer Online-Konten geregelt [1]. Das bedeutet im Umkehrschluss: 85% hinterlassen digitales Chaos.
Für Hinterbliebene ist das ein Albtraum. Sie wissen nicht, wo überall Accounts existieren. Sie kennen keine Passwörter. Sie haben keine Vollmacht. Und sie müssen sich mit Kundenservice-Hotlines herumschlagen, die oft nicht weiterhelfen dürfen.
Was passiert, wenn du nichts regelst?
Ich erinnere mich noch gut an die Geschichte meines Bekannten. Seine Tante hatte Facebook nicht geregelt. Das Profil existiert noch heute. Jedes Jahr zum Geburtstag gratulieren Freunde – automatisch. Die Familie kann es nicht löschen, weil Facebook ohne Passwort oder Sterbeurkunde plus Erbschein nicht reagiert.
Kann man so machen, muss man nicht.
Ohne Regelung entscheiden die Plattformen selbst:
- Facebook: Kann in Gedenkzustand versetzt werden – wenn jemand es beantragt
- Google: Löscht inaktive Accounts nach 2 Jahren – oder auch nicht
- Apple: iCloud-Daten werden gelöscht, Zugriff für Erben schwierig
- Online-Banking: Banken brauchen Erbschein und viel Papierkram
Und manchmal passiert gar nichts. Accounts existieren ewig weiter. Daten bleiben online. Abos laufen weiter – und kosten.
Wie du dein Internet- und Datenerbe regelst
Nach der Kaffee-Geschichte habe ich angefangen. Nicht perfekt, aber besser als nichts.
Schritt 1: Bestandsaufnahme
Ich habe eine Liste gemacht. Alle Accounts, alle Dienste, alle Zugänge. Das dauerte länger als gedacht. Aber am Ende hatte ich einen Überblick: 47 Accounts, wie gesagt.
Die Verbraucherzentrale Bayern hat dafür ein Online-Tool entwickelt: „Mein digitales Leben“ [3]. Hilft beim Strukturieren.
Schritt 2: Vollmacht erstellen
Eine digitale Vollmacht regelt, wer nach deinem Tod oder bei Krankheit Zugriff auf deine Online-Accounts bekommt [4]. Ohne Vollmacht haben Erben zwar theoretisch Anspruch – aber keine praktische Handhabe.
Wichtig: Die Vollmacht sollte konkret benennen, wer Zugriff auf was bekommt. Nicht jeder muss alles sehen können.
Schritt 3: Passwörter sicher hinterlegen
Hier wird es heikel. Passwörter aufschreiben? Irgendwo hinterlegen? Wie macht man das sicher?
Möglichkeiten:
- Passwort-Manager mit Notfall-Zugang (LastPass, 1Password bieten das an)
- Versiegelte Liste beim Notar
- Vertrauensperson mit Tresor-Zugang
Ich habe mich für den Passwort-Manager entschieden. Meine Mann bekommt den Notfall-Zugang.
Schritt 4: Accounts löschen oder erhalten?
Manche Accounts will ich löschen lassen. Andere nicht. Mein Blog zum Beispiel – der darf bleiben. Mein Facebook-Profil? Weg damit.
Die Allianz empfiehlt, das Löschen von Accounts in der Vorsorge zu regeln [5]. Warum? Weil aktive Accounts Angriffsfläche für Identitätsdiebstahl bieten. Und weil Hinterbliebene sonst ewig zahlen.
Schritt 5: Regelmäßig aktualisieren
Neue Accounts kommen dazu. Alte werden gelöscht. Die Liste muss aktuell bleiben. Ich trage mir das jetzt jedes Jahr im Kalender ein: „Digitalen Nachlass prüfen“.
Die rechtliche Seite
Der digitale Nachlass wird nicht nach besonderen Regeln vererbt. Er ist Teil des Gesamtnachlasses [2]. Das bedeutet: Deine Erben erben rechtlich alles – Verträge, Rechte, Pflichten.
Aber: Ohne Passwörter nützt das Recht wenig. Und manche Plattformen verweigern den Zugang trotz Erbschein – mit Verweis auf Datenschutz oder AGB.
Deshalb ist die Vorsorge so wichtig. Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Dinge.
Tools und Hilfen
Dem einen oder anderen ist es vielleicht bekannt: Es gibt mittlerweile viele Hilfen für die digitale Vorsorge.
Kostenlose Tools:
- „Mein digitales Leben“ (Verbraucherzentrale Bayern)
- Google „Inaktivitätsmanager“ (für Google-Accounts)
- Facebook „Nachlasskontakt“ (für Facebook-Profile)
Kostenpflichtige Dienste:
- Passwort-Manager mit Notfall-Zugang
- Digitale Nachlassverwaltungen
- Notar für digitale Vollmachten
Ich nutze eine Mischung. Passwort-Manager für die Zugänge, handschriftliche Liste beim Notar für die wichtigsten Accounts, Vollmacht für meinen Mann.
Mein Fazit
Tod sein ist nur für die anderen doof – denn für dich ist es nach deinem Ableben wohl das unwichtigste. Für deine Erben wird’s kompliziert: Sie versinken im digitalen Chaos. Deine Wünsche? Werden nicht umgesetzt. Dein digitales Leben? Geistert ewig durchs Netz.
Mein Internet- und Datenerbe zu regeln war unangenehm. Aber notwendig. Und ehrlich gesagt auch beruhigend. Ich weiß jetzt, was passiert. Mein Mann weiß, wo alles liegt. Meine wichtigsten Daten sind geschützt.
Ist nicht perfekt. Aber besser als nichts.
Schon erledigt?
Hast du deinen digitalen Nachlass geregelt? Oder schiebst du es noch vor dir her? Welche Accounts würdest du löschen lassen, welche erhalten?
Lass es mich in den Kommentaren wissen – ich bin gespannt auf deine Gedanken!








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